In Europa
Es gibt nicht wenige Überlieferungen, in denen der Wolf als negative Gestalt auftritt. Die Phantasie der Menschen verband den Wolf mir der Vorstellung von Dunkelheit, Kälte und Winter. Die Germanen, Bulgaren und Polen führten, wenn sie den Winter verabschiedeten, einen ausgestopften Wolf mit oder vermummten sich als Wolf. In vielen Ländern wurden die Wintermonate als Wolfsmonate bezeichnet.
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Wolfsjagd in grauer Vorzeit. |
Die Furcht vor dem Wolf und der Hass auf ihn erreichte in Europa im Mittelalter ihren Höhepunkt. Die Angst vor den wirklichen Wölfen grenzte an Hysterie. Zuerst verschwand der Wolf in Europa aus England, nämlich Anfang des 16. Jahrhunderts. In Irland konnte er sich bis Anfang des 17. Jahrhunderts halten. In Schottland wurde der letzte Wolf 1743 erlegt. In Frankreich wurde bereits von Karl des Großen von allen Adligen gefordert, dass sie zwei Jäger speziell für die Wolfsjagd halten sollten. 1805 gab Napoleon einen Erlass heraus, damit in allen Departements des Landes für die Wolfsbekämpfung besondere Bevollmächtigte eingesetzt werden. Bis 1870 waren die Wölfe in vielen Gebieten des Landes selten geworden, hielten sich jedoch in einigen Landteilen bis zum 1. Weltkrieg.
In den Gebirgsländern Europas (außer den Alpen) und in einem großen Teil des Russischen Reiches hatten die Wolfspopulationen weniger unter Verfolgung durch den Menschen zu leiden. Die niedrige Bevölkerungsdichte und die Lebensweise der Menschen sicherte dem Wolf das Überleben. In Agrarländern hingegen war das Verhältnis gegenüber dem Wolf jedoch überaus negativ, denn die Räubereien der Wölfe nahmen manchmal bedrohliche Ausmaße für den Menschen an. Die Anstrengungen zu Wolfsbekämpfung hatten jedoch meist nur in lokalem Rahmen einen Effekt.
In Amerika
Die massenhafte Vernichtung des Wolfes in Westeuropa ist jedoch lange schon Geschichte, während in Nordamerika, vor allem den USA, dieser Vorgang heute noch lebenden Einwohnern des Kontinentes im Gedächtnis ist. Die direkte Verfolgung durch den Menschen (und nicht Veränderungen des Lebensraumes!) führten zum Verschwinden des Wolfes aus dem größten Teil des Territoriums der USA.
Bis zur Kolonialisierung Nordamerikas war der Lebensraum des Wolfs praktisch unberührt, denn die Jagd der Eskimos und Indianer hatte keinen merklichen Einfluss auf den Bestand des Wolfes. Die Situation änderte sich grundlegend mit der Ankunft des weißen Mannes. Mit der Erschließung neuer Landgebiete verdrängte das Vieh die wildlebenden Huftiere und der Wolf passte sich dem neuen Nahrungsangebot an. Der Schaden, den der Wolf der Viehwirtschaft zufügte, war der Hauptgrund für die Verfolgung seit Beginn der Kolonisation. Eine tragenden Rolle spielte dabei auch die aus der alten Welt mitgebrachte Vorstellung von der besonderen Gefährlichkeit des Wolfes für den Menschen.
Die Anfänge des Kampfes gegen den Wolf fallen in die Zeit der Gründung erster Europäersiedlungen. 1630 wurde in Massachusetts erstmals eine Prämie für die Erlegung eines Wolfes vorgeschlagen. Anfang des 18. Jahrhunderts war das System der Prämienzahlung fast überall üblich. Die Gebirge im Westen wurden die letzte Zufluchtsstätte des Wolfes in der USA, rechnet man Alaska nicht mit. Hier auf den Bergweiden, wo es noch Hirsche und andere wildlebende Huftiere gab, richtete der Wolf unter dem Vieh keinen ernsthaften Schaden an. Und zudem war die Jagd auf den Wolf, um eine Prämie zu bekommen, in diesem Gelände alles andere als leicht. Doch als 1915 der Kongress der USA unter dem Druck der Viehzüchter, die stattliches Land als Weide nutzten, Mittel für die Bekämpfung des Wolfes (vorzugsweise Gift) bereitstellte, verschwand der Wolf schließlich komplett aus der USA.
In Kanada war aufgrund der geringeren Entwicklung der Viehwirtschaft der Kampf gegen den Wolf weniger erbittert als in der USA, obgleich auch hier viele Jahre lang die vollständige Ausrottung der Art das Ziel war. Das System der Prämienzahlung hatte in den letzten Jahrzehnten auch keinen wesentlichen Einfluss auf den Wolfsbestand, da große Gebiete seines Lebensraumes für Jäger unzugänglich sind. So konnte sich der Wolf in Kanada deutlich besser halten als in der USA.